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Bibliotel-Erzählung des Monats 
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Dieses Mal: Reinfall bei Schaffhausen Klaus Dewes aus der Krimi-Anthologie "Grenzfälle" erschienen im Gmeiner-Verlag
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Die Wehen setzten zwei Wochen vor dem errechneten Zeitpunkt ein undversetzten Hajo Hebbel in Panik. Überstürzt ließ er chaotische Zustände auf seinem Schreibtisch zurück und die Kollegen, in der Konstanzer Redaktion des Südkurier, mitten in der Themenkonferenz und Diskussion des Aufmachers für den nächsten Tag allein.
Entgegen seinem in Auflösung begriffenen Nervenkostüm präsentierte sich seine Frau Lara überraschend gleichmütig. Ihr Klinikkoffer stand fertig gepackt neben der Tür. Einen Mantel trug sie über dem Arm. Auf dem Gesicht ein wonniges Lächeln. »Wenn du jetzt noch«, sie drehte den Schlüssel zweimal im Schloss, »entgegen sonstiger Gewohnheit«, sie versenkte den Schlüssel in ihrer Manteltasche, »langsam und vorsichtig fährst«, sie zeigte einladend auf ihren Koffer, »kann gar nichts schief gehen.« Sie verließen Steißlingen und fädelten sich Richtung Singen in den frühmittäglichen Verkehr ein. »Taschentücher«, sagte Lara, mit abwesendem Blick auf den im Westen aufragenden Vulkanschlot des Hohentwiel mit seiner imposanten Burgruine, »kannst du mir ein Päckchen aus der Seitentasche bei dir geben? Die waren zu Hause ausgegangen.« Während sich Hajo auf seine häufig benutzten Schleichwege konzentrierte, suchte er mit der Linken die seitliche Ablage ab. »Hier sind auch keine mehr.« Er wies mit der Rechten über einen Rundverkehr auf den Supermarkt zwischen Singen und Böhringen, in dem sie auch sonst einzukaufen pflegten. »Ich springe schnell da rein und hole welche.« Er sah prüfend zu Lara hinüber, die ihm beruhigend zunickte. »Brauchst du sonst noch etwas?« Lara verneinte mit Blick auf den Südkurier, den er für sie aus der Redaktion mitgebracht hatte. Hajo bog vorsichtig rechts ab, fuhr holperfrei über den tiefer gelegten Bordstein und dann zwischen den geöffneten Schranken hindurch auf das weitläufig eingezäunte Supermarktgelände. Schnell fand er einen Parkplatz in Eingangsnähe. »Klappt wie geschmiert«, lächelte er in Laras Richtung. »Wirklich alles o.k.?« Im ersten Impuls hatte er den Motor laufen lassen wollen. Sich dann aber anders entschlossen. Er war doch kein Paniker. Selbst nicht beim ersten Kind. Den Zündschlüssel allerdings ließ er stecken und spurtete los. Hajo kam in Rekordzeit zurück und warf sich wieder hinter das Steuer. Mühsam nach Luft ringend. Drehte ungeduldig den Schlüssel, um den Wagen wieder anzulassen, und versuchte gleichzeitig, sich anzuschnallen. »Martha scheint nach dir zu kommen.« Hajo erstarrte. Nicht, weil ihm der Name fremd war, den Lara für ihr Mädchen ausgesucht hatte, das die Frauenärztin ihnen nach einerUltraschalluntersuchung angekündigt hatte, sondern weil Lara so sonderbar gepresst gesprochen hatte. »Bleib bitte ganz ruhig«, bat Lara, als sie Hajos schreckhaft aufgerissene Augen sah. »Auch wenn Martha deine Ungeduld und Neugier geerbt zu haben scheint.« Sie streichelte beruhigend seinen rechten Arm. »Die Fruchtblase ist eben geplatzt.« Vorbei. Es war vorbei mit Hajos Bemühen, ruhig zu bleiben. In wilder Hast begann er, unter abwechselnd ausgestoßenen flehendlichen Bitten zur heiligen Muttergottes und heftigen Verwünschungen in Richtung Belzebub, am Schlüssel zu drehen. Vergeblich. Der Wagen gab keinen Mucks von sich. Hajo fasste sich entsetzt an den Kopf. Das hatten sie doch schon ein paar Mal gehabt. Und zwar immer, wenn der Motor heiß war. Warum, verdammt, hatte er daran nicht gedacht und den Motor nicht doch laufen lassen. Was tun? Ein junger Mann machte Anstalten, in das Auto neben ihnen einzusteigen. Überlegte es sich jedoch anders. Warf seine Einkaufstüte auf den Rücksitz und wollte eilig wieder weg. War das nicht Werner? Die Rettung? Schon war Hajo aus dem Wagen, stürmte dem Mann entgegen – und erkannte seinen Irrtum. »Tschuldigung«, murmelte er, während der junge Mann, offensichtlich tief erschreckt, im Sturmschritt davonrannte. Hajo schüttelte den Kopf. Der Mann hatte die Fahrertür einen Spalt offen gelassen. Das hatte er davon, von seiner Hetze. Hajo warf im Weggehen noch einen mehr zufälligen Blick ins Innere des offenen Autos. Schüttelte wieder den Kopf. Sogar der Schlüssel steckte. Hajo fiel drängend sein eigenes Problem ein. Er rannte zurück auf seine Fahrerseite, warf sich hinter das Steuer und drehte erneut am Schlüssel. Aber es blieb beim Nichts, wie befürchtet, während von der Straße her Sirenen heulten. Die kurze Hoffnung, es könnte ein Krankenwagen, ein Arzt sein, verflüchtigte sich. Drei Polizeiwagen waren es, die heranrasten und auf den Parkplatz des Supermarktes einbogen. Und von dem Moment an handelte Hajo cool bis ans Herz! Hajo stieg wieder aus ihrem Wagen, umrundete das Heck und öffnete Laras Tür. »Steig aus«, bat er, »und bleib ganz ruhig. Ganz ruhig«, was Lara ein Lächeln entlockte. Aber sie folgte. Er lotste sie um den Nachbarwagen und dirigierte sie auf dessen Beifahrersitz. »Aber Hajo«, protestierte Lara schwach, doch er winkte ab. »Ein Notfall. Bringe ich schon in Ordnung. Vertrau mir.« Und er ging sicheren Schrittes um den fremden Wagen, stieg ein, drehte den Zündschlüssel, und der Motor sprang sofort an. Hajo setzte zurück und steuerte Richtung Ausfahrt. Erschrak. Die Schranken waren heruntergelassen worden; die Polizei hatte die Ausfahrt gesperrt. Hajo hupte verzweifelt, und ein Polizist näherte sich wütend. »Meine Frau«, erklärte Hajo dem Beamten beschwichtigend und zeigte auf Lara, »die Fruchtblase ist gerade geplatzt!« Der Polizist schien kindererfahren. Ein Blick auf Laras Bauch, ein Nicken, und er lotste den Wagen an den anderen Wartenden vorbei nach vorn. Schritt sogar neben ihnen her durch das einsetzende Gewirr. »Ein Überfall auf den Kassierer des Supermarkts«, erklärteer. »Der Täter muss noch auf dem Gelände sein.« Er gab einem Kollegen ein Zeichen. »Alles Gute Ihnen.« Er hatte Lara zugenickt. Die Schranke hob sich. »Haben wir ein Glück«, atmete Hajo durch und wäre fast wie gewohnt Richtung Radolfzell abgebogen. Holte sein Handy heraus und rief die 112 an. Bat darum, dass man sie im Hegauklinikum als Notfall anmeldete. In der Klinik ging alles sehr schnell. Man erwartete sie bereits am Eingang. Hajo wollte bei der Geburt natürlich dabei sein. Was im letzten Moment aber nicht ging. Irgendetwas war mit der Nabelschnur. Kaiserschnitt. Er fand sich auf dem Flur wieder, rannte ruhelos auf und ab und raufte sich die Haare. Sein Auto fiel ihm ein und das, wie sollte er es anders nennen, das gestohlene auf dem Hebammenparkplatz. Er kramte sein Telefon hervor, rief seine Werkstatt an, obwohl Handybenutzung im Krankenhaus verboten war, und bat, seinen Wagen, der ihn im Augenblick seiner bisher größten Not so schmählich im Stich gelassen hatte, vom Parkplatz des Supermarktes abzuholen. »Wenn das hier alles ordentlich läuft«, vereinbarte er, »komme ich kurz vor Werkstattschluss und hole ihn ab.« »Es ist alles ordentlich gelaufen«, sagte eine Stimme hinter Hajo. »Gratuliere«, lachte der Arzt, »zu Martha, die nun doch ein Sohn geworden ist.« Er zuckte die Schultern. »So was passiert bei Ultraschall. Manchmal versteckt sich der gewisse kleine Unterschied so geschickt...« »Hauptsache gesund, und beiden geht es gut.« Der Arzt nickte bestätigend. »Ich mochte den Namen Martha sowieso nicht besonders. War Laras Vorschlag.« Hajo zögerte kurz. »Nennen wir das Kind, unseren Sohn, jetzt eben...Marthin.« Er lachte. »Auch mit th. Damit von Laras Vorschlag wenigstens etwas bleibt.« Hajo wartete die Wirkung der Narkose geduldig am Bett von Mutter und Sohn ab und blieb noch eine Stunde bei seiner größer gewordenen Familie. »Ich hole unseren Wagen aus der Werkstatt«, versprach er dann. »Kümmere mich um den anderen, du weißt schon, und komme nach einem Blitzbesuch in der Redaktion noch einmal her.« Der fremde Wagen stand noch auf dem Hebammenparkplatz. Nicht abgeschlossen, wie sie ihn zurück gelassen hatten. Die Einkaufstüte lag zwischen den Sitzen. Sie war beim Einparken runtergerutscht. Hajo hob sie auf – und erbleichte. Sie enthielt gebündelte Geldscheine. Zwanziger. Zweimal fünf Päckchen. Wenn in jedem fünfzig ... Hajo erschrak. Dann waren das zehntausend. Er schluckte. Dann war der junge Mann, den er für Werner gehalten hatte, ja ... Hajo ließ die Tüte fallen. Ihm wurde schlecht. Wenn man ihn erwischte. Jetzt zum Beispiel. Ihn und den Täterwagen. Ihn und die Beute. Seine Prints überall. Er grinste schief. Nur einen trickreich vorgetäuschten Blasensprung, den würde man ihm nicht anhängen können. Hajo beschloss, sich in seiner ohnehin außergewöhnlichen Situation nicht auch noch durch ein heldenhaftes Geständnis in die Schusslinie eines Verdachts zu manövrieren, sondern die Sache still und auf seine Weise zu erledigen. Die fehlte ihm nämlich noch zu seinem Glück, eine Überschrift wie: ›Junger Vater als dreister Supermarkträuber entlarvt‹. Und dieser Aufmacher dann ausgerechnet im Südkurier. Hajo knotete die Tüte mit den Grifflaschen zu, warf sie auf den Rücksitz, setzte auf die Schaffhauser Straße zurück und fuhr mit dem entwendeten Wagen zu seiner kleinen Werkstatt in Stein. Er sah schon von weitem seinen eigenen fertig auf dem Abholplatz und stellte den fremden samt Tüte im Schatten des Gebäudes unauffällig ab. Den Schlüssel ließ er stecken. Wenn der Wagen dem Werkstattbesitzer irgendwann auffiel und nicht zugeordnet werden konnte, würde die herbeigerufene Polizei den Eigentümer schon herausfinden. »Tut mir leid«, schrieb er trotzdem auf einen Zettel für den Besitzer und legte ihn auf den Beifahrersitz. Hajo ging zur Kasse und zahlte. Das Abholen war teurer als die kleine Reparatur. Ein kurzer Plausch. Gratulation des Chefs zum Nachwuchs. Der Azubi fuhr Hajos Wagen vor. »Glückwunsch auch meinerseits«, sagte er formvollendet. »Erklärt im Übrigen Ihre Vergesslichkeit.« Er zeigte auf die Einkaufstüte, die er auf Hajos Rücksitz gelegt hatte. »Ich hole den anderen Wagen in den nächsten Tagen«, rettete sich Hajo entsetzt aus seiner Schrecksituation und gab dem Jungen fünf Euro. Himmel, wenn der neugierig in die Tüte ... Gut, dass er sie zugeknotet hatte. In der Redaktion herrschte Chaos, als Hajo ankam. Natürlich, der Überfall. Dem Kassierer war nicht viel passiert. Großer Schreck. Kleine Beule. Blaues Auge. Seine Beschreibung des Täters vage. Damit fehlte das richtige Futter für einen knalligen Bericht für die nächste Ausgabe. »Hebbel«, rief ihn der Redaktionsleiter, »Sie haben doch einen ordentlichen Draht zur Polizei. Wenn Sie die geklaute Summe rauskriegen, können Sie postwendend wieder stillen gehen.« Hajo fand die Bemerkung weniger witzig als die feixenden Kollegen. Wollte nur noch schnell weg. Rief also bei der Kripo an, und die gab, wie dem Kollegen vorher auch, die Summe nicht preis. Und nun? Hajo rang mit sich. Die Zeit raste. Gab schließlich kurzerhand dem Kollegen Friese einen Zettel, auf dem ›10.000‹ stand, und machte, dass er ins Krankenhaus kam. Und ahnte nichts von dem Ärger, der ihn am nächsten Tag erwartete. Helle Aufregung. Überall. Die Polizei suchte die undichte Stelle. Denjenigen, der gegen alle Absprachen die erbeutete Summe ausgeplaudert hatte. Der Redaktionsleiter suchte natürlich auch. Bei Hajo. Aber der schwieg. Endlich. Gegen elf konnte er die Redaktion verlassen. Fuhr noch einmal heim. Musste für Lara einige Dinge besorgen. Gleichzeitig war er wild entschlossen. Das Geld musste schleunigst weg. Aber wohin? Vor der Tür des Nachbarn standen gelbe Säcke. Sofort hatte Hajo eine Idee. Er packte die Tüte mit dem Geld in einen der Säcke und kramte erleichtert nach dem Zettel mit den notierten Sachen für Lara. Im Haus hörte Hajo den Müllwagen klappern und die Müllmänner palavern. Rieb sich die Hände. Geschafft. Packte die Sachen für Lara in den Kleidersack eines Modegeschäftes und ging erleichtert zu seinem Auto zurück. Wo ihn sein Nachbar erwartete. Aufgebracht. Mit der zugeknoteten Tüte in der Hand. »Das haben Sie sich so gedacht«, schimpfte er. »Nicht in meine Säcke.« Die inzwischen abgeholt worden waren. Und warf die Tüte durch das offene Fenster in Hajos Auto zurück. Lara ging es gut. Marthin durfte bei ihr im Zimmer bleiben. Hajo erlebte erstes Vaterglück und erschien nach diesem Besuch entsprechend strahlend in der Redaktion. Aber er strahlte nicht lange. Sein immer noch erzürnter Redaktionsleiter schickte ihn ins Präsidium. »Pressekonferenz. Die werden Ihnen wegen Ihres Schweigens den Kopf abreißen«, frohlockte er. »Nehmen mir damit viel Arbeit ab.« Hajo konnte einstecken. Sie machten es ihm tatsächlich nicht leicht. Und er konnte schweigen. Auf alle Fragen der trickreichen Beamten und neidischen Kollegen. Redete sich heraus mit dem Hinweis auf seine journalistische Schweigepflicht. Dann wurde allen Journalisten das Phantombild übergeben, das nach den Angaben des Kassierers gefertigt worden war. Hajo dachte: ›Der Kassierer muss ein Blinder sein‹. Das Phantom hatte nämlich nicht mehr Ähnlichkeit mit dem Täter, dem er schließlich leibhaftig begegnet war, als ein Kaninchen mit einem Eichhörnchen. Dann blätterte er wie die Kollegen in den Verbrecherdateien, welche die Polizei großzügig auf einer Reihe von Computern aufgerufen hatte. Sie sollten beweisen, wie schwer es war, anhand von Phantombildern einen Täter über Karteien zu identifizieren. Das alles, wie immer, garniert mit der Bitte um Geduld und nachsichtige Berichterstattung. Hajo blätterte gelangweilt durch die Dateien – und hielt die Luft an. Da war er ja, der vermeintliche Werner. Unmissverständlich. Ein Helmut. »Wie wär’s denn mit dem hier?«, rief er die Beamten zu sich, und alle nickten wie elektrisiert. Druckten sofort Helmut Lambeuges Daten und sein Foto zigfach aus; allerdings allein für den internen Gebrauch. Doch Hajo ließ einen der Ausdrucke heimlich in seiner Tasche verschwinden. Der nächste Tag brachte schon wieder Aufregung ins Präsidium und in die Redaktion. »Wie kann Reporter Hebbel in Ihrem Blatt behaupten«, rügte der Polizeipräsident den Redaktionsleiter harsch am Telefon, »dass Lambeuge der Täter ist? Und auch noch sein Bild ins Blatt rücken? Wo wir doch bis jetzt weder ihn, noch Beweise haben?« Das sah der Redaktionsleiter genauso. Also wurde Hajo von ihm auf die Fahndungsliste gesetzt und zum Rapport befohlen, doch Hajo blieb verschwunden. Denn Hajo war auf dem Weg, das Tatauto in der Werkstatt abzuholen, und so seine neueste Idee, es unbemerkt und dennoch auffällig auf dem Parkplatz direkt vor dem Polizeipräsidium und damit unter den Argusaugen der ›Soko Supermarkt‹ als wichtiges Beweisstück zu präsentieren. Nach dem Motto: Irgendwann macht auch der ausgebuffteste Täter mal einen Fehler. Oder sogar zwei. Schließlich wollte er ja auch die Geldtüte auf dem Rücksitz zurücklassen. Alles lief nach Plan, und er atmete auf, ging zur Telefonzelle um die Ecke und gab der Wache anonym Standort und Daten des Täterautos durch. Als er die Telefonzelle verließ, empfing ihn eine Bedienstete der Stadt, die ihn beobachtet hatte. Sie war zuständig für den ruhenden Verkehr und überreichte ihm einen Strafzettel, weil er keinen Parkschein gezogen und hinterlegt hatte, und zeigefingerdrohend den Wagenschlüssel – und die Plastiktüte. Hajo machte grußlos, dass er wegkam. »So was von undankbar«, hörte er noch, und ihm war es egal. Hajo war sauer, aber hatte bald erneut eine Idee. Er ging hinüber zum Präsidium, warf den Autoschlüssel in den Briefkasten der Polizei und versuchte, die Tüte mit dem Geld hinterher zu stopfen. »Nichts da«, sagte ein Mann in grauem Kittel hinter ihm. »Ich bin der Hausmeister und nicht beim Grünen Punkt auf der Lohnliste.« Da hatte Hajo die Nase gestrichen voll. Er nahm sich ein Taxi, ließ sich nach Stein in die Werkstatt zu seinem Auto fahren, fuhr von dort zum Supermarkt , stellte sich als Reporter des Südkurier vor und fragte, ob der arme Kassierer, den man so schnöde überfallen habe, schon wieder arbeite. Tatsächlich, er arbeitete schon wieder. Hajo ließ sich von ihm, damit alles wirklich und wahrhaftig wirkte, den Überfall lang und breit schildern, schrieb eifrig mit und schoss sogar ein Foto. Inzwischen voller Ungeduld. Und als er endlich gehen konnte, ließ er blitzschnell und heimlich die Geldtüte unter dem Tisch verschwinden. Hajo verließ fluchtartig das kleine Büro und war mehr als erleichtert. Doch schon wurde er von einem jungen Mann in Supermarktkluft aufgehalten. Erneute Erleichterung, denn der Mann wollte ihn nur zum Ausfüllen eines Preisrätsels überreden. »Sonderaktion unseres Hauses«, drängte er. »Heute Abend schon werden die Gewinner gezogen.« Hajo machte sein Kreuzchen hinter der Frage, ob der Supermarkt auf der Grünen oder Roten Wiese liege, und trug seine Daten ein, dabei die Angst im Nacken, dass ihm der Kassierer doch noch den zu früh entdeckten Geldbeutel nachtragen könnte, und warf die Karte schließlich aufatmend in eineRiesenflasche, in der sich sicher schon tausend weitere Karten stapelten. Lara empfing ihn stolz, ihren Reporterhelden, von dem inzwischen die ganze Klinik schwärmte, und erzählte von Marthin und dass er bestimmt mal ein so toller Hecht werde wie sein berühmter Vater. Von diesem Lob getragen, erklärte Hajo zwei Stunden später in seiner Reportage für den nächsten Tag den Fall kurzerhand für aufgeklärt, den Täter Lambeuge anhand des aufgetauchten Tatfahrzeugs für überführt und den Kassierer mit Foto zum glücklichsten Menschen der Welt, weil das gestohlene Geld wieder aufgetaucht war. Mit dieser Zeitungsausgabe unter dem Arm erschien Hajo am nächsten Morgen freudig erregt bei Lara und Marthin. Doch wie seine Freude schwand, wuchs umgekehrt proportional sein Schreck. Ein Kriminalkommissar wartete nämlich mit Handschellen auf ihn. Und noch jemand wartete: der verschüchterte Kassierer, der ihm, als Dank für den tollen Zeitungsbericht, den Plastikbeutel nachtrug, »den Sie gestern bei mir vergessen haben.« Er reichte Hajo den zugeknoteten Geldbeutel. »Schade«, sagte er noch bedauernd, »dass das mit dem Geld in ihrem ansonsten tollen Bericht nur erfunden war.« »Darf ich noch etwas erklären«, fragte Hajo den Kommissar, »ehe die Handschellen klicken?« Er zeigte auf Marthin, den Lara im Arm hielt. »Er soll doch weiterhin stolz auf seinen Vater sein können.« »Gnade vor Recht«, brummte der Beamte und hörte sich dann schweigend die Geschichte an, die Hajo zu erzählen hatte, ehe er den Geldbeutel »im Namen des Gesetzes« an sich nahm. »Was für ein Reinfall«, kommentierte Lara und ließ offen, für wen, während ihr Marthin, statt erlösendem Bäuerchen, einen Teil seiner Nahrung auf den Rücken spuckte. »Ein Reinfall ausgerechnet hier in der Nähe von Schaffhausen«, murmelte der Kommissar, dessen Dienstjacke ebenfalls einiges abbekommen hatte. »Muttermilch macht keine Flecken«, tröstete Hajo und hatte seit Langem mal wieder Lacher auf seiner Seite, als sein Handy klingelte. »Sind Sie Hajo Hebbel?«, fragte eine fremde Stimme. »Bin ich.« Hajo zuckte die Schultern. »Dann haben Sie«, fuhr die fremde Stimme triumphierend fort, »beim diesjährigen Preisrätsel unserer Supermarktkette den ›Hegaupreis‹ gewonnen: eine Einkaufstüte mit 10.000 Euro!« 
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